„Wo nur das Neue gilt, wächst das Alte“

Der Durchbruch kam in dem Moment, in dem das neue Licht auf alteTechnik traf. Mit gutem Grund, behauptet Buchautor Prof. Ernst Peter Fischer.

Prof. Ernst Peter Fischer
Prof. Ernst Peter Fischer lehrt Wissenschaftsgeschichte in Konstanz.

„Der Schock des Alten" - so lautet der Titel des Buches, in dem der britische Historiker David Edgerton darstellt, wie sich „Technologie und globale Geschichte seit 1900" gemeinsam entwickelt haben. Edgertons eindringlicher Vorschlag besteht darin, nicht ständig auf die neuen Techniken zu starren, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat - also auf die Elektrizität, die Luftfahrt, die Kernkraft, den Transistor, den Laser, die Concorde, die Gentechnik und das Internet, um nur einige Beispiele zu nennen. Der Historiker ist vielmehr der Ansicht, dass zur aktuellen von Menschen genutzten Technologie sehr viel mehr gehört - das Wellblech, die Insektizide, der Kühlschrank, der Zement, die Rikschas, das Telefon, kleine Feuerwaffen und eine Menge anderer Dinge. Man sollte eine Geschichte der Technik nicht dadurch erzählen, dass man anführt, was einzelne Menschen erfinden und erfunden haben.

Man sollte vielmehr zeigen, was viele Menschen verbreitet benutzen und durchgängig zum Gebrauch gewählt haben. Und wer das tut, der erlebt den Schock durch das Alte. Ich empfehle den Lesern dieses Standpunktes, sich darauf einzustellen. Wo nur das Neue gilt, wächst das Alte, wie es die Logik verlangt. Das Neue ist nämlich alt, wenn es da ist und man wieder etwas Neues verlangt.

Was ist schon wirklich neu?

Das eingangs genannte (auf Englisch verfasste) Buch beginnt mit einem Zitat von Bertolt Brecht, der 1939 eine „Parade des alten Neuen" beschrieben hat, die wie folgt beginnt: „Ich stand auf dem Hügel, da sah ich das Alte herankommen, aber es kam als das Neue. Es kroch heran auf neuen Krücken, die man nirgends je gesehen hatte, und stank nach neuen Dünsten der Verwesung, die man nirgends je gerochen hatte."

Natürlich gibt es ab und zu etwas Neues unter der Sonne. Leider gehört unser Denken über das Neue nicht dazu. Es ist so alt, dass man sich schämen sollte. Seit dem 19. Jahrhundert zirkuliert zum Beispiel unverändert die Ansicht, dass Erfinder ihrer Zeit voraus sind und ihre Entwicklungen zu schnell für die menschliche Gesellschaft stattfinden und sie überfordern. Möglicherweise hat es solche Ideen und Erfindungen gegeben. Aber sie sind bald gescheitert. Wir wissen das nicht genau, denn die Geschichte der Verlierer schreibt niemand.

Wir wollen das Neue aber leben vom Alten

Leider schreibt hierzulande auch kaum jemand die Geschichte der Sieger, also der Dinge, die sich durchgesetzt haben und in stetem Gebrauch sind - Motoren, Laser, Transistoren, Airbags. Wir gieren nach dem Neuen und wollen nicht wissen, woher das Alte kommt, selbst wenn es uns überrennt. Vielleicht sollten wir uns besser mit ihm anfreunden. Wir brauchen es die ganze Zeit.

Übrigens - einer der größten Erfolge, die man unter der Überschrift „Technologie und globale Geschichte" vermelden könnte, handelt von der Kombination Laser und Blech. Für den Außenstehenden klingt das zunächst so, als ob eine neue Technik an ein altes Material verschwendet würde. Doch wer so denkt, übersieht die charakteristische Eigenschaft unserer vielfältig durch sogenannte Innovationen geprägten Gesellschaft: Wir wollen das Neue, aber wir leben von und mit dem Alten - etwa mit den Wellblechen, mit denen wir alles Mögliche konstruieren, nicht zuletzt Ganzmetallflugzeuge, und zwar schon seit bald 100 Jahren.

Der wirkliche Fortschritt

Vielleicht besteht der wichtige und wahrlich humane Fortschritt darin, das Alte, das gut ist - Blech -, mit dem Neuen zu kombinieren, das ebenfalls gut ist - dem Laser. Dann bekommen wir die bessere Welt, für deren Erreichen wir Wissenschaft und Technik zu Beginn der Neuzeit erfunden haben. Maschinenbauer zeigen an dem genannten Beispiel, dass der Plan aufgeht.

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